Am nächsten Morgen möchten Lee und ich den Sonnenaufgang bei Srah Srang betrachten. Das bedeutet in erster Linie eines: Wieder einmal früh aufstehen! Wir stellen den Wecker auf halb fünf, steigen aber dennoch erst eine halbe Stunde später aus dem flauschigen Bett. Wir versuchen, die Müdigkeit aus den Augen zu reiben, viel bringt das aber nicht. Die Erinnerung ruft uns ins Bewusstsein, dass wir gestern wieder viel zu lang mit viel zu hübschen Mädchen getanzt haben. Bis in die Puppen sind wir unterwegs gewesen, wobei das jetzt nicht wörtlich, sondern nur buchstäblich zu verstehen ist. Von dem kühlen "Angkor"-Bier sollen wir auch zu viel getrunken haben. Dies sagt uns zumindest das böse Gewissen.
Wir gehen vor das Tor unseres Guest Houses. Es ist halb sechs. Mr. O, unser zu einem treuen Weggefährten avancierte Tuk-Tuk-Fahrer, wartet bereits auf uns. Natürlich schlafend, schnarchend und träumend. So wie wir ihn eben kennen. Wir wecken ihn auf, indem wir, rotzfrech wie wir sind, dicht an seinen beiden Ohren feste in die Hände klatschen. Mr. O schrickt auf und starrt mich an, als stünde der Teufel höchstpersönlich vor ihm. Und ja, denke ich mir. Mit den roten Augen, die mir von der letzten Nacht geblieben sind, könnte ich durchaus als Inkarnation des Teufels durchgehen.
Wir fahren los, brettern über die lehmfarbenen, braunen Straßen von Siem Reap. Kleine rote Staubkörner fliegen uns ins Gesicht und kühler Fahrtwind weht uns um die Ohren. Wir bitten Mr. O eingehend, einen Gang zuzulegen, weil wir sonst den wunderschönen Sonnenaufgang bei Srah Srang verpassen würden. Mr. O versucht daraufhin, herauszuholen, was aus seiner alten, liebevoll auf den Namen "Lady" getauften Maschine herauszuholen ist. Der Motor röhrt. Die Anzahl der Staubkörner, die uns ins Gesicht fliegen, nimmt direkt proportional mit der Geschwindigkeit des Tuk-Tuks zu. So auch der Fahrtwind.
Fünf Minuten vor Sonnenaufgang sind wir in Srah Srang. Srah Srang ist ein Baray, der im 10. Jahrhundert von Kavindrarimathana, dem Architekten von Rajendravarman, gebaut worden sein soll. Jayavarman VII. hat ihn seinerzeit noch einmal verändert. Ein Baray ist zum einen ein Wasserreservoir, dessen praktischer Zweck die Sicherstellung der Wasserversorgung ist, und zum anderen ein Abbild jenes Urozeans, aus dem die Welt entstanden sein soll. Der Baray hatte und hat demnach auch einen hohen symbolischen Wert für die Bewohner Kambodschas.
Lee und ich sitzen gebannt auf der im Westen befindlichen Balustrade von Srah Srang. Wir warten auf den Sonnenaufgang, neben uns schäkert eine japanische Gruppe. Ein junger Japaner aus dieser Gruppe kommt auf mich zu und fragt mich, aus welchem Land ich komme. Eigentlich weiß er es bereits, denn Lee und ich haben, was kaum zu überhören war, gerade über dasselbe gesprochen. Ich antworte: "Deutschland". Der junge Japaner sagt: "Oh! Duetsland! Ich auch habe studieren dort. Für eine Jahr"
Ein junger, relativ gut deutsch sprechender Japaner, ein halber Deutscher mit philippinischem Migrationshintergrund und ein ganzer Filipino mit gebrochenen Deutsch-, dafür aber sehr guten Englischkenntnissen unterhalten sich nun in einem Kauderwelsch aus deutschen und englischen Wortfetzen über ein Land namens Deutschland und warten gemeinsam am kambodschanischen Baray Srah Srang auf den Sonnenaufgang. Das heitere Gespräch der drei jungen Männer wird unterbrochen von der roten Morgensonne, die durch die Wolkendecke blinzelt und den Himmel in ein geheimnisvolles, faszinierendes Licht taucht. Das Leben ist reich an schönen Momenten!




































